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Frag doch mal das Leben!

Dr. phil. Andrea Gillert

24. April 2024

Potenziale echter Menschlichkeit


In einem Gastbeitrag für den Blog des LebensGut-Verlags habe ich – angesichts der galoppierenden digital-technologischen Eroberung unserer Lebenswelten – im März 2024 unsere Menschlichkeit näher betrachtet.


Aufgrund ihrer Relevanz möchte ich mich hier ebenfalls gerne diesem wesentlichen Thema widmen. Zunächst stellt sich die Frage, worin wahrhaftige Menschlichkeit bestehen könnte. Sie hat bereits den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard bewegt: 



Was bedeutet es, Mensch zu sein?*


Für mich hat dieser „Philosoph des Herzens“ damit eine der wesentlichsten Fragen überhaupt gestellt. Vielleicht spürst auch Du spontan, dass es hier nicht allein um deine eigene Existenz und deren Sinn gehen könnte. Fragen wie diese nehmen das Leben im Allgemeinen sowie unsere Evolution ins Visier!*


*Lektüretipp:

Clare Carlisle Biografie:

Sören Kierkegaard: Der Philosoph des Herzens


Wenn du mich fragst: In der Tiefe unserer Herzen erahnen wir längst die Bedeutung und Tragweite wahrhaftiger Menschlichkeit im Hinblick auf unsere Zukunftsfähigkeit. Künstliche Intelligenz durchdringt weltweit zahlreiche Lebensbereiche und wie so oft können damit sowohl positive, als auch negative Entwicklungen einhergehen. Hier erweist sich nicht allein die Dosis als entscheidend, sondern auch, in welchen Händen KI genutzt wird.


Wenn wir wachsam bleiben und unsere angeborenen Fähigkeiten nicht aus Bequemlichkeit einer Instanz überantworten,

die wir derzeit noch nicht richtig

einschätzen können, sind wir vorbereitet.


Denn in meinen Augen birgt die digital-technologische Entwicklung eine nicht zu vernachlässigende Gefahr für unsere Kreativität in sich: Das für Nervenzellen geltende Prinzip „Use it or lose it“ dürfte an dieser Stelle keine Ausnahme machen. Was nicht benutzt wird, verkümmert einfach.


Um zu erkennen, was es bedeutet, in Zeiten künstlicher Intelligenz als Mensch auf der Erde in Ko-Existenz mit anderem Leben zu leben, lass uns Menschsein zunächst einmal definieren.

Aus einem eher nach Außen gerichteten Blickwinkel betrachtet, sind uns folgende Attribute zugehörig:


  • physisches Sein,
  • bestimmte Charakterzüge,
  • individuelle Persönlichkeitsmerkmale,
  • jeweils spezifisches Aussehen
  • Verstandesvermögen 


Durch diese Charakteristika unterscheiden wir uns auf den ersten Blick von anderen Lebewesen. 


Wenn wir jedoch unsere Innenwelten und den Subjektaspekt miteinbeziehen, erkennen wir, dass es auch auf der seelisch-geistigen Ebene durchaus Kennzeichen für „echte“ Menschlichkeit gibt. „Echt" deshalb, weil diese nicht wie selbstverständlich zum Ausdruck gelangen kann. Es erfordert unsere humane Bereitschaft, auch diese Klaviatur menschlichen Seins zu bedienen.


Hier geht es ans Existentielle, an das, was unser Leben auf diesem wunderbaren Planeten erst so richtig lebenswert macht. Diese Form von Menschlichkeit ist in uns angelegt, möchte jedoch entfacht werden, um einem gelingenden sozialen Miteinander sowie anderem Leben zu dienen. Wer sie aktualisiert, begibt sich auf die Spur seiner persönlichen Sinnhaftigkeit und Relevanz für das große Ganze.

Es gibt ein paar spezifische Wesensmerkmale, Einstellungen und Haltungen, die hierfür entscheidend sind. 


Respekt und Achtsamkeit


Normalerweise verbinden wir mit Achtsamkeit unseren Fokus auf den jeweiligen Moment. Diese menschliche Qualität fördert in meinen Augen unsere Fähigkeit zu Wertschätzung, Rücksicht und Toleranz. Damit bildet sie für mich eine wesentliche Grundlage für Respekt. Wir können erst dann unser jeweiliges „Gegenüber“ wirklich würdigen, wenn wir ihm mit hinreichend Achtsamkeit begegnen. 


Gutes Einfühlungsvermögen


Empathische Menschen verfügen über die natürliche Fähigkeit, sich jederzeit in ihr Gegenüber versetzen zu können. Dank dieser Form von Einfühlungsvermögen sind sie in der Lage, in entscheidenden Momenten ihr Herz zu öffnen und auf dieser Basis unterstützendes Mitgefühl, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft zu verkörpern.


Tiefe Herzlichkeit

Menschen, die all ihrer emotionalen Verletzungen zum Trotz immer wieder bereit sind, ihr Herz zu öffnen, empfinden sich häufig nicht länger als Opfer widriger Umstände. Egal wie oft sie innerlich oder äußerlich auch verletzt wurden: Sie halten ihr Herz nicht länger verschlossen. Sie fühlen, dass sie nur auf diese Weise dem Leben und dem, was dieses mit sich bringt, wieder vertrauen lernen können. 


Vergebungsbereitschaft


Dieses Vertrauen ist alles andere als selbstverständlich. Es bedarf einer wirklich beherzten Entscheidung, die eigenen Wunden anzuschauen, um damit uns selbst sowie unsere Beziehungen zu heilen. Dies gelingt maßgeblich durch zwei Formen von Vergebung. Zunächst gilt es, uns kontinuierlich in Selbstvergebung zu üben. Auf dieser Basis lernen wir in der Folge auch anderen Menschen zu verzeihen. Vergebung verhilft also – wie ein natürliches Wundermittel – Menschen dazu, sich selbst und andere so zu akzeptieren, wie sie sind.


Doch mit diesen herausragenden Fähigkeiten sind wir – nach meinem Ermessen – immer noch nicht am Ende der Fahnenstange unsere Menschlichkeit angelangt. Denn bisher ging es bei unseren Betrachtungen eher um unsere Mitmenschlichkeit. 


Was wäre, wenn Menschlichkeit noch mehr bedeuten würde?


Natürlich ist es großartig, wenn wir bereit sind, füreinander Verantwortung zu tragen. Damit ließe sich voraussichtlich ein Großteil unserer Probleme hier auf der Erde lösen. Doch gehöre ich zu jenen Menschen, die davon ausgehen, dass wir als Spezies in ein großes Ganzes eingebunden sind. Für mich bedeutet dies im Umkehrschluss, dass wir Fürsorge noch viel weiter denken können.


Lass uns sie gedanklich doch einmal auf alles Leben ausdehnen. Was wäre, wenn wir als Hüter und Bewahrer anderen Lebens auf der Erde gedacht seien? Würden sich damit Lieblosigkeit, Nichthinschauenwollen oder frei gewählte Ignoranz letztlich als Formen von Unmenschlichkeit erweisen?


Anstatt uns ertappt zu fühlen und uns dafür zu verurteilen, dürfen wir in diesen Tagen erkennen, dass all diese vermeintlich negativen Eigenschaften auf dem Gefühl unseres Getrenntseins von allem anderen Leben beruhen. Wenn wir uns dies immer wieder bewusst machen, ohne in die sogenannte "Bewertungsfalle" zu tappen, kann sich die mit dieser kollektiven Emotion verbundene niederfrequente Energie von Schuld transformieren.


Im oben bereits erwähnten Gastbeitrag widme ich mich weiteren Überlegungen zu diesem Thema. Fühle dich herzlich eingeladen, mit mir in den Austausch zu gehen, wenn du Fragen oder Anregungen hast.



Einen sonnig-warmen Wonnemonat 

Mai wünscht dir von Herzen



Deine Andrea





Frag doch mal das Leben

von Dr. phil. Andrea Gillert 24. März 2024
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